Dienstag, 20. Oktober 2015

[Fotografie] Dorffestival 10.08.2015


So ihr lieben, hier eine weitere Fotosammlung, dieses Mal von einem Dorffest in der Naehe von Puducherry. Wer den Bericht nicht lesen moechte, der soll doch bitte hinunterscrollen und kann die Bilder auf sich wirken lassen. Wer weitere Infos moechte, darf den Bericht gerne lesen, viel Vergnuegen, egal, wofuer ihr euch entscheidet ;)

Waehrend unseres Tamil Sprachkurses am Pondicherie Institute of Linguistics and Culture (kurz: PILC) sassen wir nicht immer nur im Klassenzimmer und paukten Vokabeln und Grammatik. Der Kurs beinhaltete naemlich auch Einfuehrungen und Begegnungszonen mit der tamilischen Kultur, was neben der Lehrmethoden eine weitere Besonderheit ist. Dazu gehoerten nachmittaegliche Besuche von Musikern, die ihre Gesangskuenste, Instrumente, Taenze vorfuehrten (denen ich jedoch aus Desinteresse groesstenteils fernblieb, hust), aber auch Ausfluege, um das hiesige Dorfleben kennen lernen zu koennen. Der erste Ausflug fand zu Beginn der dritten Woche des Sprachkurses statt und fuehrte uns in ein kleines Dorf, circa eine Stunde Busfahrt entfernt. Um 13 Uhr war bereits Treffpunkt, die Lehrer hatten extra fuer uns einen Bus gemietet. An jenem Tag war es mal wieder sehr sehr heiss und ich spuerte, dass ich koerperlich leider nicht ganz so fit gewesen bin, wie ich es haette sein sollen. Die Fahrt muendete in einer Verkehrsschneise, wo wir in eine Parkluecke gewiesen wurden. Sehr interessant war die Interaktion zwischen Fahrer und Regler, da diese mit wilden Gesten ihr Anliegen untermauern wollten. Bereits aus dem Fenster des Busses konnte man viele Menschen sehen, die schick gekleidet umherliefen. Unser Lehrer Parasuraman erklaerte, dass dieses Fest in diesem Monat jeden Montag statt finden wuerde, zu Ehren der Dorfgoetter. Ich stellte mir daraufhin vor, wie wirklich jeden Montag diese Menschenmassen hier einkehren und war sehr beeindruckt. Als der Bus geparkt hatte, stiegen wir aus und wurden Richtung Festivalweg gewiesen. Dieser war sehr schmal und fuehrte durch Natur. Zwischen Baeumen und Weg befanden sich jede Menge Staende, an denen Einheimische ihre Ware preis taten. Man konnte alles moegliche kaufen, Haushaltswaren, Spielzeug, Kram, Essen, Gewuerze, allerlei. Ich fragte mich stets, wer das alles kauft. Es herrschte sehr grosses Gedraenge und die Sonne knallte gnadenlos auf uns hinab, was uns alle ins Schwitzen brachte. Irgendwann fuehrte der Weg zu einer Lichtung, an der ein ueberdacht und ummauerter Platz war, an dem ein Altar stand, welcher von vielen vielen Statuen umgeben war. An diesem Platz tuemmelten sich sehr sehr viele Menschen und es herrschte ein reges Treiben. Dort vollzogen die Einheimischen ihre Pujas, indem sie den Gottheiten etwas opferten, die Priester waren vollauf damit beschaeftigt, die Opfergaben irgendwo abzustellen oder den Goettern umzuhaengen und erneut zu verteilen. Als wir eigentlich weiter wollten, mussten wir schliesslich auf einen unserer Mitschueler warten, der sehr lange, sehr fasziniert in Mitten des Treibens stand. Ich konnte es leider nicht sehen, da ich zu sehr damit beschaeftigt war, die Hitze und die Menschenmasse zu ertragen, aber anscheinend wurde einige von unserer Gruppe dann auch noch Zeuge, wie ein Huhn geopfert und eine Ziege fuer ein weiteres Opfer hineingefuehrt wurde. Da war es dann aber Zeit weiterzulaufen. Wir waren alle sehr verwundert, da wir angenommen hatten, dass solche Tieropferungen eigentlich nicht mehr praktiziert werden, aber Indien belehrt einen immer wieder eines Besseren. Der Weg fuehrte schliesslich weiter vorbei an vielen, vielen Staenden. Wir schoben uns in der Masse voran und erreichten irgendwann eine schattige Lichtung, umgeben von Baumkronen. Anhand der Familien und vor allem des Muells entpuppte sich diese Stelle als beliebter Ort, um ein Picknick zu machen. Die Frauen breiteten dafuer Planen aus, worauf man Platz nahm und packten Kochutensilien aus, um das Mittagessen, welches aus Reis, frittierten Bananen und verschiedenen Chutneys besteht, frisch zubereiten zu koennen. Parasuraman lenkte uns zu einer der Familien, damit vor allem die Teilnehmer des Fortgeschrittenenkurses die Moeglichkeit hatten, sich unterhalten zu koennen. Wir vom Anfaengerkurs sollten zuhoeren und schauen, dass wir ein wenig dabei lernen koennen. Die Frauen waren sehr sehr freundlich und boten uns, die sich zu ihnen gesetzt hatten, etwas zum Essen an. Ein Nein wurde da nicht geduldet. So kam es, dass ich, obwohl mir so heiss war, ich eigentlich keinen Hunger hatte und nur probieren wollte, mit einem Bananenblatt da sass, welches ordentlich gefuellt war. Es schmeckte koestlich! Aber, es war sehr scharf und mir war so heiss, dass ich fast kollabiert waere. Ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen und wusste nicht, was ich tun sollte. Eine Mitbewohnerin meinte, dass ich es weg werfen koenne und dass es okay sei, was unser Lehrer bestaetigte. Mit Gesten zeigte er, dass man das einfach irgendwohin werfen koenne und es nichts ausmache. Als man mir dann Wasser reichte, um meine Hand zu waschen und ich dies direkt von meiem Sitzplatz aus Tat, grinste mich Parasuraman von oben herab an und meinte: "Now you became very Indian, because you washed your hand right here, without going away! hahaha!" Da er ein sehr sarkastischer Mensch gewesen ist, war ich mir nicht sicher, ob er mich mal wieder veraeppelt hat, aber ich fuehlte mich dann doch irgendwie amuesiert stolz. Ich trank schliesslich sehr sehr viel Wasser und der Weg fuehrte weiter Richtung Dorftempel. Irgendwann erhob er sich zwischen den Baumkronen des Weges ab. Das Wetter wurde schlechter und als wir den Tempel endlich erreicht hatten, begann es zu regnen. Ich fuehlte mich wirklich nicht wohl. Es war ueberall so dreckig und so voll. Ja, das ist Indien, dachte ich mir. Uff. Als wir den Tempel mit vielen weiteren Menschen betraten, meinte Parasuraman, dass heute noch wenig los sei und man eigentlich Probleme haette, den Tempel zu betreten, so viel Andrang wuerde sonst herrschen. Fuer mich war es jetzt schon zuviel Andrang. Der Tempel selbst erschien mir nicht schoen, er war sehr heruntergekommen und es lag ueberall Muell herum. Wir liessen auch die Goetterkammer aus und liefen nur einmal um den Hof herum, wo uns Parasuraman verschiedene Stationen zeigte, wo Menschen Dinge opfern konnten, wie zum Beispiel ein Baum, an dem Mann Stofffetzen aufhaengt, um schwanger zu werden, oder eine Stelle, an der Menschen Steine aufstapeln oder Miniaturhaeuser aufstellen, wenn sie ein neues Haus bauen. Wir verweilten nicht lange im Tempel. Man muss dazu sagen, dass ich mich eigentlich in Hindutempeln sehr sehr wohl fuehle, weil sie immer eine besinnliche Aura haben, trotz Menschen, die herumrennen und ihre Rituale durchfuehren und irgendwie zum Verweilen einladen. Aber dieser Tempel lud keineswegs dazu ein, mit dem Dreck und der generellen sehr hektischen, gestressten Stimmung. Vielleicht lag es auch am Wetter. Jedenfalls war ich froh, als wir weiter zogen. Der Weg fuehrte weiter durch von bettelnden Menschen gesaeumten Pfaden, hin zu einem Platz, an dem es nicht mehr weiterging. Ein weiterer Mitschueler meinte dort sehr passend: "This is the India, I actually went here to see..." er hatte Recht damit. Wenn man mal wieder von dem Muell absah. Da wir alle eine Erfrischung benoetigten, organisierte uns unser Lehrer frische Kokosnuesse, aus denen wir trinken konnten. Wir konnten dabei zuschauen, wie die Verkaeufer die Kokosnuesse geschickt mit ihren Macheten zerteilten und zum Schluss einen Strohhalm reinsteckten, aus dem man dann trinken konnte. Ich hatte irgendwie die durch Werbung manipulierte Fantasie, dass die Kokosmilch kuehl sei und nahm erwartungsvoll einen grossen Schluck, um fast wuergen zu muessen, da mir eine pisswarme Fluessigkeit entgegen kam. Aber ich hatte Durst und mein Koerper benoetigte weitere Naehrstoffe, die aufgrund des Schwitzens massiv abhanden gekommen sind. Als wir ausgetrunken hatten, konnten wir die Nuss erneut dem Verkaeufer reichen, der sie erneut mit der Machete bearbeitete und halbierte, sodass man nun das Fruchtfleisch essen konnte. Es war sehr glibbrig und ich muss zugeben, ich fand es nicht so schmackhaft, wuergte es aber irgendwie hinunter. Anschliessend warfen wir die Schalen irgendwohin, wir haetten zwar den Haufen neben dem Stand beutzen koennen, aber hey, wir waren schliesslich in Indien. Dann machten wir uns auf zum Rueckweg. Dieser wurde leider von meinem bisher einzigen, massiv negativen Ereignis ueberschattet. Ich ging mit einer Mitschuelerin unseres Weges, wir unterhielten uns ganz normal, als eine groessere Gruppe junger Maenner an uns vorbei lief und waehrenddessen fragte, ob wir aus Frankreich seien. Ich verneinte und sagte, dass wir aus Deutschland kaemen. Dann lachten sie irgendwie komisch und wir verloren sie aus den Augen. Kurze Zeit spaeter bemerkte ich, wie mich etwas kleines, Hartes am Ruecken getroffen hatte, dachte mir jedoch nichts dabei, vermutete, dass es vielleicht irgendwie von einem der Baeume kam, die hier so herumstanden und ging weiter. Dann traf mich erneut etwas. Und dann sah ich, wie ein Stein ganz knapp an uns vorbei flog und einige Meter  vor uns landete. Wir wurden mit Steinen beworfen! Dann traf einer den Rucksack unseres Kollegen vor uns. Wir gingen zum Lehrer, der meinte, wir sollten bei ihm bleiben. Jedoch waren wir bald wieder ausser Reichweite und wieder flogen Steine, kurz bevor wir den Bus erreichten. Der Lehrer bekam es mit und identifizierte diese grosse Gruppe junger Maenner, die ebenfalls mit einem Reisebus angereist waren. Ich fluechtete verstoert in den Bus und bekam nur mit, dass draussen eine riesige, leider zu nichts fuehrende Diskussion entbrannte und der Bus schliesslich kommentarlos los fuhr. Ich ueberlegte fieberhaft, was denn mein Fehler gewesen sei, da ich angepasst gekleidet bin und ueberhaupt mich nicht daneben benehme. Nach einer laengeren Unterhaltung kamen wir darauf, dass es einfach dumme Halbstarke waren, die meinten, sich profilieren zu koennen, indem sie sich daneben benehmen, wie es bei uns in diesem Alter und solchen Gruppen auch vorkommt. Die Rueckfahrt wurde schliesslich vom Anblick eines Mannes gekroent, der seinen Darm auf die Strasse entleerte, den ich jedoch leider verpasst, aber durch bildhafte, schillernde Beschreibungen eine sehr lebhafte Vorstellung davon bekam. An diesem Tag merkte ich das erste Mal, dass ich auch in Indien nicht so die Dorffreundin bin. 

PS: Es sollte noch angemerkt werden, dass jener Lehrer Parasuraman, am 14. Oktober 2015 an einem Herzinfarkt verstorben ist. Ich moechte hiermit mein Beileid und meine Bestuerzung ausdruecken und die Freude darueber, dass ich noch die Moeglichkeit hatte, ihn kennenlernen zu koennen.




























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